Warum ich „Der gute Ton“ geschrieben habe
Über Menschlichkeit, Respekt und die Frage, welchen Ton wir selbst in diese Welt bringen
Es gibt Bücher, die entstehen aus einer Idee. Andere entstehen aus einer Frage.
Bei meinem Buch „Der gute Ton“ war es eine Frage, die mich schon lange begleitet:
Wie wollen wir eigentlich miteinander umgehen?
Nicht irgendwann. Nicht theoretisch. Sondern heute. In unserer Familie. Im Beruf. Im Restaurant. Im Straßenverkehr. In einem Team. In sozialen Netzwerken. Gegenüber Menschen, die uns nahestehen – und gegenüber denen, von denen wir nichts brauchen.
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Menschen. Als Koch, Gastgeber, Unternehmer, Trainer und Wertevermittler. Ich habe wunderbare Begegnungen erlebt. Aber ich habe auch gesehen, wie schnell ein falscher Ton einen Raum verändern kann.
Ein einziger Satz kann genügen.
Und genau deshalb wollte ich dieses Buch schreiben.
Der gute Ton hat für mich wenig mit Benimmregeln zu tun
Wer den Titel hört, denkt vielleicht zuerst an Etikette. Welches Besteck benutzt man? Wer grüßt zuerst? Welche Regeln gelten bei Tisch?
Das alles kann seinen Platz haben.
Aber darum geht es mir nicht.
Im Buch schreibe ich:
„Höflichkeit ist eine Form. Haltung ist der Inhalt.“
Dieser Satz bringt einen wesentlichen Gedanken des Buches auf den Punkt.
Ein Mensch kann „Bitte“ und „Danke“ sagen und einen anderen trotzdem von oben herab behandeln. Jemand kann perfekte Umgangsformen beherrschen und gleichzeitig Mitarbeiter, Servicekräfte oder Menschen mit einer anderen Meinung gering schätzen.
Umgekehrt kann jemand sehr klar und direkt sprechen und dabei trotzdem respektvoll bleiben.
Der gute Ton beginnt deshalb nicht bei einer auswendig gelernten Formulierung.
Er beginnt bei der Frage:
Wie sehe ich den Menschen, der mir gegenübersteht?
Als Störung?
Als Dienstleister?
Als Mitarbeiter?
Als Gegner?
Oder zuerst einmal als Menschen?
Ich schreibe nicht als jemand, der immer alles richtig gemacht hat
Mir war beim Schreiben besonders wichtig, nicht den Eindruck zu vermitteln, ich würde von oben auf andere herabschauen und erklären, wie man sich „richtig“ verhält.
Das wäre unglaubwürdig.
Denn auch ich habe Situationen erlebt, in denen mein Anliegen vielleicht richtig war – mein Ton aber nicht.
Gerade die Gastronomie ist dafür eine harte Schule.
Ich habe Küchen erlebt, in denen Zeitdruck, Hierarchie und Lautstärke selbstverständlich waren. Wenn viele Bestellungen gleichzeitig kommen, etwas schiefläuft und jede Minute zählt, verändert sich die Kommunikation sehr schnell.
Klarheit ist dort notwendig.
Härte nicht.
Im Buch schreibe ich deshalb sehr offen:
„Im Rückblick gab es Situationen, in denen mein Anliegen richtig war, mein Ton aber nicht.“
Dieser Satz war mir wichtig.
Denn über Menschlichkeit zu sprechen ist leicht, solange alles funktioniert.
Spannend wird es erst, wenn wir enttäuscht, gestresst, verletzt oder wütend sind.
Wie sprechen wir dann?
Wie führen wir dann?
Wie behandeln wir einen Menschen, der einen Fehler gemacht hat?
Genau dort entscheidet sich Haltung.
Vieles davon habe ich nicht in Seminaren gelernt
Ein großer Teil dessen, was ich heute unter Respekt und Gastfreundschaft verstehe, stammt aus meiner Familie.
Besonders meine ungarischen Großeltern haben mich geprägt.
Wenn dort jemand zur Tür hereinkam, wurde dieser Mensch nicht nebenbei begrüßt. Man wandte sich ihm zu. Etwas zu trinken wurde angeboten. Meist stand ohnehin etwas auf dem Tisch oder meine Nagyi hatte etwas gebacken.
Für uns Kinder bedeutete Besuch oft auch: Gläser holen, Getränke bringen, mithelfen.
Damals habe ich darin wahrscheinlich keine große Wertevermittlung gesehen.
Es war einfach normal.
Heute erkenne ich, wie viel darin steckte.
Respekt wurde nicht erklärt.
Er wurde gelebt.
Diese Erinnerungen tauchen an verschiedenen Stellen meines Buches auf, weil sie für mich zeigen, dass Werte vor allem durch Vorbilder weitergegeben werden.
Nicht durch Plakate an der Wand.
Nicht durch schöne Sätze.
Sondern durch Verhalten.
Ein Tisch kann viel mehr sein als ein Ort zum Essen
Als Koch begleitet mich der gedeckte Tisch seit meinem gesamten Berufsleben.
Und trotzdem ist mir immer klarer geworden:
Ein perfekt gedeckter Tisch kann vollkommen leer sein.
Nicht an Tellern oder Gläsern.
Sondern menschlich.
Wenn jeder auf sein Telefon schaut, niemand wirklich zuhört und das gemeinsame Essen nur eine weitere Station im Tagesablauf ist, entsteht wenig Begegnung.
Umgekehrt kann ein einfacher Tisch unglaublich reich sein.
Das Geschirr muss nicht zusammenpassen. Das Essen muss nicht aufwendig sein. Vielleicht steht nur ein gutes Stück Brot, ein einfaches Gericht und eine Flasche Wein auf dem Tisch.
Aber die Menschen reden miteinander.
Sie hören einander zu.
Sie lachen.
Sie bleiben sitzen.
Eine Passage aus dem Buch lautet:
„Ein guter Tisch ist nicht daran zu erkennen, wie perfekt er gedeckt ist, sondern wie viel Menschlichkeit an ihm Platz hat.“
Dieser Gedanke beschreibt für mich nicht nur Tischkultur.
Er beschreibt Gesellschaft im Kleinen.
Am Tisch lernen Kinder Rücksicht. Menschen teilen. Man wartet aufeinander. Man fragt nach. Man erzählt. Und manchmal entstehen dort Gespräche, die an keinem anderen Ort entstanden wären.
Vielleicht brauchen wir heute genau solche Orte wieder stärker.
Unsere Kommunikation wird schneller – aber wird sie dadurch besser?
Wir können heute innerhalb von Sekunden Nachrichten versenden, kommentieren, bewerten und widersprechen.
Das ist großartig.
Und manchmal gefährlich.
Denn Geschwindigkeit lässt uns häufig reagieren, bevor wir verstanden haben.
Wir lesen eine Nachricht und hören dabei innerlich bereits einen Ton, obwohl wir die Stimme des anderen gar nicht hören können.
Wir schreiben einen Kommentar, den wir einem Menschen von Angesicht zu Angesicht vielleicht niemals so sagen würden.
Wir urteilen über Personen, deren Geschichte wir nicht kennen.
Das Buch ist trotzdem kein nostalgischer Ruf nach einer angeblich besseren Vergangenheit.
Früher war nicht alles besser.
Auch früher gab es Respektlosigkeit, Machtmissbrauch und einen harten Umgang miteinander.
Unsere Zeit stellt uns lediglich vor neue Herausforderungen.
Je schneller Kommunikation wird, desto bewusster müssen wir kommunizieren.
Vielleicht brauchen wir deshalb manchmal etwas sehr Einfaches:
einen Moment zwischen Reiz und Reaktion.
Einen Atemzug.
Und die Frage:
Was möchte ich mit meinem nächsten Satz eigentlich erreichen?
Will ich etwas klären?
Will ich eine Grenze setzen?
Oder möchte ich nur zurückschlagen?
Der gute Ton bedeutet nicht, alles hinzunehmen
Dieser Punkt war mir beim Schreiben besonders wichtig.
Menschlichkeit darf nicht mit Schwäche verwechselt werden.
Respekt bedeutet nicht, jedes Verhalten zu akzeptieren.
Du darfst Nein sagen.
Du darfst widersprechen.
Du darfst klare Grenzen setzen.
Eine Führungskraft darf Leistung einfordern. Eltern dürfen Orientierung geben. Ein Mitarbeiter darf sagen, dass er sich respektlos behandelt fühlt. Eine Servicekraft darf einem Gast deutlich machen, dass eine Grenze überschritten wurde.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob wir ein Verhalten kritisieren oder den Menschen selbst abwerten.
Im Buch formuliere ich es so:
„Ein Verhalten kann falsch sein, ohne dass der Mensch falsch ist.“
Das klingt einfach.
Im Konflikt ist es das oft nicht.
Denn gerade wenn wir überzeugt sind, recht zu haben, verlieren wir schnell jedes Maß.
Dann wird aus Klarheit Demütigung.
Aus Direktheit Rücksichtslosigkeit.
Aus einer Diskussion ein Kampf darum, wer gewinnt.
Dabei braucht ein guter Konflikt nicht zwingend einen Sieger.
Vielleicht braucht er zwei Menschen, die trotz ihrer Unterschiede die Würde des anderen nicht vergessen.
Auch Entschuldigung gehört für mich zu Stärke
Niemand trifft immer den richtigen Ton.
Ich nicht.
Du vermutlich auch nicht.
Wir reagieren manchmal zu schnell. Wir sagen Dinge, die härter herauskommen als beabsichtigt. Wir hören nicht richtig zu. Wir urteilen vorschnell.
Dann bleibt eine Entscheidung:
Verteidigen wir uns?
Oder übernehmen wir Verantwortung?
Eine ehrliche Entschuldigung kann unglaublich viel verändern.
Nicht:
„Es tut mir leid, aber du hast mich provoziert.“
Sondern:
„Mein Ton war falsch. Das hätte ich anders machen müssen.“
Gerade Eltern und Führungskräfte verlieren dadurch keine Autorität.
Im Gegenteil.
Sie zeigen, dass Verantwortung nicht nur für die anderen gilt.
Warum dieses Buch sehr persönlich geworden ist
Beim Schreiben wurde mir immer deutlicher, dass ein Buch über Werte nicht glaubwürdig sein kann, wenn es nur aus klugen Gedanken besteht.
Deshalb findet sich darin auch meine eigene Geschichte.
Meine Großeltern.
Meine Eltern.
Mein Weg in den Kochberuf.
Die harte Welt mancher Küchen.
Meine Arbeit mit Menschen.
Meine Frau Susi.
Und natürlich meine beiden Söhne Adrien und Louis.
Mit ihnen bin ich früher regelmäßig angeln gegangen. Als sie klein waren, war die Geduld naturgemäß begrenzt.
Irgendwann kam fast immer die Frage:
„Papa, wann fahren wir wieder nach Hause?“
Heute fragen sie:
„Papa, wann gehen wir wieder angeln?“
Der Fisch ist dabei längst nicht mehr das Wichtigste.
Es ist die gemeinsame Zeit.
Draußen wird gesprochen, gelacht, manchmal geschwiegen und manchmal auch über Dinge geredet, für die im normalen Alltag kein Platz entsteht.
Vielleicht ist genau das einer der roten Fäden dieses Buches:
Menschen brauchen nicht immer große Programme.
Manchmal brauchen sie einfach echte Aufmerksamkeit.
Welchen Ton hinterlassen wir?
Am Ende ist „Der gute Ton“ deshalb kein Buch über die Fehler der anderen.
Nicht über unhöfliche Kunden.
Nicht über schlechte Chefs.
Nicht über respektlose Jugendliche.
Nicht über die ältere Generation.
Nicht über „die Menschen im Internet“.
Das wäre zu einfach.
Das Buch stellt die unbequemere Frage:
Was ist mit mir?
Wie spreche ich, wenn ich unter Druck stehe?
Wie rede ich über Menschen, die nicht anwesend sind?
Wie gehe ich mit Fehlern um?
Kann ich mich entschuldigen?
Kann ich eine andere Meinung aushalten?
Wie behandle ich Menschen, von denen ich keinen persönlichen Vorteil erwarten kann?
Und welche Atmosphäre entsteht eigentlich, wenn ich einen Raum betrete?
Im Nachwort meines Buches steht ein Gedanke, der vielleicht die gesamte Idee zusammenfasst:
„Wir können nicht bestimmen, welchen Ton andere wählen. Aber wir können Verantwortung für den Ton übernehmen, den wir selbst in Räume, Beziehungen und die Gesellschaft tragen.“
Genau darum geht es mir.
Nicht um Perfektion.
Sondern um Verantwortung.
Nicht darum, immer freundlich zu sein.
Sondern menschlich.
Nicht darum, Konflikte zu vermeiden.
Sondern darum, auch im Konflikt die Würde des anderen nicht zu vergessen.
Vielleicht verändert ein Buch nicht die Welt.
Aber vielleicht verändert ein Gedanke das nächste Gespräch.
Vielleicht ein Gespräch eine Beziehung.
Und vielleicht beginnt gesellschaftliche Veränderung tatsächlich viel kleiner, als wir glauben.
Beim nächsten Satz.
Beim nächsten Zuhören.
Beim nächsten gemeinsamen Essen.
Beim nächsten Fehler.
Beim nächsten Menschen.
Welchen Ton möchtest du selbst in diese Welt bringen?
„Der gute Ton – Wie Menschlichkeit, Respekt und Haltung unser Zusammenleben verändern“
von Kay „Rizzo“ Rätzer
Wenn dich diese Gedanken beschäftigen und du tiefer einsteigen möchtest, findest du im Buch persönliche Geschichten, Alltagssituationen, konkrete Impulse und Fragen zur Selbstreflexion – für Familie, Partnerschaft, Beruf, Führung, Gastfreundschaft und unser tägliches Miteinander.
hier geht’s zum Buch:
https://cucinata.de/pages/der-gute-ton